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Bier her


Ist es Zufall, daß diese Begebenheit gerade in der närrischen 5. Jahreszeit stattfand? Urteilen Sie selbst.

Im Frühjahr 2003 erhob eine Rechtsanwältin vor dem Amtsgericht Torgau Klage und begehrte für ihren Mandanten 2.500 € "Schmerzensgeld". Der wiedergutzumachende Schmerz sollte darin bestehen, daß ihr Mandant von einem Trinkfreund anläßlich eines privaten Plauschs mit dem Nachbarn als "Suffkopp" tituliert worden ist. Außerdem soll die Behauptung, daß eine Tischkreissäge unfreiwillig den Besitzer gewechselt hat, zu dem erlittenen Schmerz nicht unerheblich beigetragen haben. Dieser in seiner Art offenbar einmalige und unglaubliche Vorfall schreit also nach Ansicht der jungen Anwältin nach Satisfaktion. Nun wurden die sogenannten Zweikampfparagraphen, die das Duellieren gegenüber anderen Tötungsdelikten privilegierten, erst 1969 im Rahmen der ersten Strafrechtsreform abgeschafft, so daß die Wiedergutmachung erlittenen Schmerzes oder Schadens in die Hände der Justiz zu legen ist.

Um das Gericht nun in Verurteilungslaune zu bekommen, läßt der als "Suffkopp" bezeichnete Kläger seine Anwältin vortragen, daß sich diese angeblichen Inhalte des nachbarlichen Meinungsaustauschs negativ auf sein Gemüt und Wohlbefinden ausgewirkt hätten, er selbst in seinem Ansehen in der Öffentlichkeit schwer verletzt sei und sich kaum noch in eben diese Öffentlichkeit zu den gewohnten Umtrünken traut.

Der Beklagte stellte freilich die Bezeichnung "Suffkopp" in Abrede, gestand aber die lauthals geäußerte Vermutung ein, daß der Kläger ihn bestohlen habe. Dies alles war für den Torgauer Amtsrichter nicht genug, dem Kläger das begehrte Schmerzensgeld zuzusprechen. Nun griff die Anwältin noch tiefer in die Trickkiste und führte das höchste deutsche Gesetz in den Rechtsstreit ein: das Grundgesetz. Dieses bestimmt gleich im 1. Artikel, daß die Würde des Menschen unantastbar sei und dem Kläger daher auf Grund der Bedeutung und der Tragweite dieses Grundrechtseingriffes das begehrte Schmerzensgeld doch zustehe.

Darüber hinaus fiel dem Kläger eine weitere "krasse und unmenschliche Beleidigung" ein. Er wurde vom Beklagten während eines gemeinsamen Umtrunks angeblich ein "Mausehaken" geziehen. Eine solche Entgleisung eines Wiederholungstäters läßt man freilich nicht auf sich sitzen, trotzdem scheitert der Kläger am widerborstigen Amtsgericht. Die Klage wird abgewiesen. Mit dem Brustton der Überzeugung und angesichts der vielfältigen konsumtiven Möglichkeiten, die 2.500 € eröffnen, legt der Kläger über seine Anwältin Berufung ein und befaßt nun das erhabene Landgericht Leipzig mit dem unglaublichen Vorfall. Der Landrichter ist offenbar ein lebensnaher Mann und kann über der Lektüre der Akten sicher nicht die gebotene Ernsthaftigkeit an den Tag legen. Augenzwinkernd macht er den Streitparteien ohne vorherige mündliche Verhandlung folgenden Vergleichsvorschlag: 1. soll der Beklagte sich beim Kläger für seine angeblichen Ausfälle entschuldigen und 2. diesem einen Kasten "Radeberger Bier" schenken. So solle nach Auffassung des Landgericht die Angelegenheit beendet werden.

Eine Annahme des Vergleichs hätte zur Folge, daß damit der wohl teuerste Kasten Radeberger Bier seinen Besitzer wechselt, denn die Inanspruchnahme der Justiz kostet den Kläger etwa 1.200 €. Wird der Vergleich nicht angenommen, könnte eine abermalige Abweisung der Klage die Folge sein, denn schon der Vergleichsvorschlag macht deutlich, was das Gericht von der ganzen Sache hält. Dann wären noch höhere Kosten die Folge und trostspendendes Bier müßte auch noch selbst gekauft werden.

Was lernt man nun aus solchen Begebenheiten? Man könnte zukünftig bei der gerichtlichen Geltendmachung von Schmerzensgeldansprüchen warten, bis ein wirklich durchschlagender Fall auftritt und die Justiz nicht mit Lappalien belästigen. Die Kosten des Verfahrens können den Traum von schnellen Geld rasch zunichte machen. Ein verantwortungsbewußter Rechtsanwalt hält jedoch den Mandanten von solchen Abenteuern ab. Im vorliegenden Fall kann sich der Kläger eventuell damit trösten, daß er möglicherweise jetzt einen Schadenersatzanspruch in Höhe der Prozeßkosten gegen seine Anwältin habe. Er muß nur einen Rechtsanwalt finden, der mehr als einen Kasten Bier "herausholt".

Rechtsanwalt Ray Richter